01.03.2010 |
Beschaffung Aktuell | Ausgabe: 2010/002
Gesunde Vernetzung – vernetzte Gesundheit
Die hochgradig arbeitsteilige und komplexe Gesundheitswirtschaft entdeckt die Vorzüge eines konzeptionellen Supply Chain Managements. Mit Hilfe systematisch entwickelter Supply Chain Services werden verstärkt die unterschiedlichen Versorgungskanäle und Schnittstellen in der Krankenhausversorgung gebündelt und nach dem Pull-Prinzip organisiert.
In der Krankenhausversorgung gibt es besondere Herausforderungen. Der Krankenhaussektor repräsentiert einen wesentlichen und kostenintensiven Bereich des Gesundheitswesens und wird geprägt durch stationäre und verstärkt auch ambulante diagnostische, therapeutische und pflegerische Dienstleistungen gegenüber hilfsbedürftigen Patienten. Gegenwärtig stehen im Krankenhauswesen neben den primären medizinisch-pflegerischen Leistungsprozessen auch die unterstützenden Versorgungsprozesse und die Bereitstellung von benötigten Produktionsmitteln im Fokus von Verbesserungsmaßnahmen.
Aufgrund hoher Komplexität, ausgeprägter Arbeitsteilung und vorherrschenden Informationsasymmetrien zwischen den beteiligten Akteuren bedarf es eines koordinierten Zusammenwirkens der Vielzahl an zu erbringenden Aktivitäten und Prozessen. Ziel ist es, dass der hilfsbedürftige Patient bestmöglich versorgt und seine Leiden nach Möglichkeit geheilt bzw. gelindert werden. Derzeit führen jedoch die bestehenden Abläufe häufig dazu, dass Patienten unnötig lange warten müssen, dass benötigte Materialien nicht verfügbar sind, zu viel und zu teuer eingekauft werden muss oder die „Health Professionals“ mit professionsfremden Tätigkeiten überlastet werden.
Es gibt eine Reihe aktueller Risiken und Schwächen. Der zunehmende Bedarf, sowohl die primären als auch die unterstützenden Leistungsprozesse im Krankenhaus effizient und effektiv zu gestalten, ergibt sich im Krankenhauswesen zum einen durch die Einführung des fallpauschalierten Finanzierungssystems und zum anderen durch die verstärkte wettbewerbliche Anforderung, sich als service- und qualitätsorientierter Leistungserbringer auf dem Krankenhausmarkt zu positionieren. Für die Krankenhäuser bedeutet dies, dass man sich verstärkt durch relevante Alleinstellungsmerkmale gegenüber den Mitbewerbern abgrenzt und gleichzeitig eine wirtschaftliche Leistungserbringung ermöglicht. Ein Schlüsselkonzept hierbei ist die horizontale und vertikale Kooperation mit anderen Akteuren entlang der wertschöpfenden Prozesse.
Aufgrund der aktuellen Verbesserungspotenziale hinsichtlich Qualität, Lieferzeit und Kosten in der Krankenhausversorgung entwickeln sich daher derzeit eine Reihe an Innovationen in der Krankenhauslogistik. Diese reichen von der Optimierung des operativen Workflow-Managements (z.B. Prozessbeschleunigung, -eliminierung, -auslagerung, -standardisierung etc.) über die Initiierung technologischer Innovationen (z.B. Ortungstechnologie, FTS (Führerlose Transportsysteme), Softwaresteuerung, etc.) bis hin zu strategischen Innovationen (z.B. Kontraktlogistik, Supply Chain Collaboration, Cross Docking etc.). Insbesondere die strategischen Innovationen ermöglichen in diesem Zusammenhang eine mittelfristig nachhaltige Verbesserung hinsichtlich Qualität und Service der primären Leistungserstellung durch die internen und externen Dienstleister. Ziel ist es, durch abgestimmte und modulartig aufgebaute Unterstützungsleistungen in der Versorgung (z.B. patientenindividuelle und abgestimmte Belieferung mit benötigten Implantaten) der jeweiligen Points of Care, d.h. die direkte Behandlung am und mit dem Patienten, einen qualitativen und wirtschaftlichen Mehrwert für Patient, Health Professional und Kostenträger zu schaffen.
Supply Chain Services bündeln die unterschiedlichen Aufgaben und Teilaktivitäten des Supply Chain Managements in einer Dienstleistung gegenüber Dritten. Bezogen auf die Krankenhausversorgung bedeutet dies, dass die unterschiedlichen Teilprozesse des Order-to-Payment-Prozesses (OTP) aufeinander abgestimmt und hinsichtlich ihres Gesamtergebnisses gebündelt nach Kundenanforderungen erbracht werden. Dabei werden die kompletten unterstützenden Geschäftsprozesse von Auftragseingang bis zum abschließenden Zahlungsvorgang miteinander verknüpft. Hierzu werden die drei Hauptströme separat betrachtet und optimiert sowie miteinander verbunden. Ziel ist es, auf Basis innovativer und nachfrageorientierter Kriterien und Stellschrauben erfolgreiche Geschäftsmodelle in der Krankenhauslogistik zu identifizieren und zu entwickeln. Ausgehend von den patientenindividuellen sowie produkt- und versorgungssystemspezifischen Anforderungen gilt es, dabei einen bestmöglichen Fit zwischen den individuellen Anforderungen und der wirtschaftlichen Ausgestaltung mit dem jeweiligen Service zu finden. Die Herausforderung für aktuelle und zukünftige Dienstleister ist es daher, mögliche erfolgreiche Geschäftsmodelle in der Krankenhausversorgung zu identifizieren und anzuwenden. Betrachtet man den aktuellen Krankenhausdienstleistungsmarkt, so lässt sich insbesondere bezüglich der Medikalprodukteversorgung ein Wandel von der klassischen dezentralen und eigenverantwortlichen Organisation in den jeweiligen Krankenhäusern hin zur zentralisierten Leistungserbringung durch externe Dienstleister beobachten. Auf der einen Seite werden beispielsweise für unregelmäßig genutzte A-Artikel (z.B. Gelenkimplantate, Herzkatheter-Sets) dezentrale Konsignationslager angeboten, auf der anderen Seite haben in der C-Artikelversorgung (z.B. Kanülen, Verbandsmaterial) regionale Cross-Docking-Lösungen durch externe Kontraktlogistikdienstleister, insbesondere für kleinere Krankenhäuser unter 400 Betten, Vorteile.
Auf dem Sektor der Arzneimittelversorgung lassen sich ebenfalls entsprechende Veränderungen beobachten. Diesen ist gemein, dass neben der Verbesserung und Nutzung alternativer Distributionskanäle eine kontinuierliche und kunden- bzw. patientenfokussierte Bereitstellung lösungsorientierter Dienstleistungen mittels hybrider Produkte (Hard- und/oder Software + Serviceleistung) angestrebt wird. Im Bereich der Arzneimittelversorgung bedeutet dies, dass der Patient mit individuell abgestimmten Pharmazeutika (z.B. customized Pharma, Unit-Dose) versorgt sowie beispielsweise durch e-Health-Lösungen (z.B. Medikamentenmonitoring) unterstützt wird.
Das Forschungsinstitut Fraunhofer SCS in Nürnberg beschäftigt sich derzeit mit der systematischen Identifizierung verschiedener Dienstleistungsbereiche in der Krankenhausversorgung (z.B. Studie zur Kontraktlogistik in der Medikalprodukteversorgung) sowie der konzeptionellen Unterstützung zielgerichteter Dienstleistungsentwicklungen für die gebündelte patientennahe und -ferne Versorgung mit benötigten Produktionsfaktoren (z.B. Service-Engineering-Konzept für den Health-Care-Bereich). Ziel ist es dabei, die Versorgungsqualität durch eine vernetzte Leistungserstellung der unterschiedlichen Akteure bestmöglich zu unterstützen.
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